Zwischen Zweifel und Vertrauen
- 6. Feb.
- 5 Min. Lesezeit
Wenn der Glaube die Schablone sprengt
"Du musst mehr beten." Du musst dich tiefer in der Bibel verankert." "Hör auf zu zweifeln, vertrau einfach."
Wenn ich solche Sätze höre, während mein Leben entgleist, möchte ich am liebsten laut schreien. Es sind diese christlichen Floskeln, die wie Hohn klingen, wenn man nachts wach liegt und sich fragt: "Gott, gibt es dich überhaupt? Und wenn ja - wo zur Hölle bist du gerade?"
In den letzten Wochen habe ich viel über meine Krise geschrieben. Und ich merke: Mein Glaube ist gerade kein ruhiger See. Er ist ein Schlachtfeld. Aber ich lerne gerade etwas Befreiendes: Zweifel und Vertrauen sind keine Feinde. Sie sind Mitbewohner in meinem Herzen.
Das Ende der Schablonen
Warum fällt es uns so schwer zu akzeptieren, dass wir gleichzeitig zweifeln und vertrauen dürfen? Ich glaube, es liegt an einer tief sitzenden Gesetzlichkeit. Wir haben gelernt, dass ein "guter Christ" unerschütterlich sein muss. Wer zweifelt, hat zu wenig Glauben, so das ungeschriebene Gesetz.
Aber wir sind keine Schablonen. Kein Ei gleicht dem anderen, und kein Mensch glaubt wie der andere. Als Kind war meine Lieblingsfarbe Rosa, später Gelb, dann Schwarz und heute liebe ich Lila. Wenn sich unser Geschmack wandeln darf, warum erlauben wir unserem Glauben nicht, sich zu verändern, zu hinterfragen und auch mal zu wackeln? Gott hat uns nach seinem Ebenbild geschaffen. Er ist unendlich weit, warum pressen wir uns dann selbst in enge, kleine Boxen aus "Richtig" und "Falsch"?
Jesus ist die Wahrheit - nicht die Interpretation
Ein Grund für meine Zweifel ist oft die Verwirrung durch die vielen Interpretationen. Überall gibt es Strömungen: Katholiken, Evangelische, Freikirchler, Orthodoxe, usw. Jeder behauptet, die Wahrheit gepachtet zu haben. Dabei lesen wir Texte, die tausende Jahre alt sind, geschrieben in Sprachen, deren Nuancen wir heute kaum noch greifen können.
Ich habe für mich beschlossen: Ich will nicht mehr alles analysieren und zerlegen. Je mehr wir den Glauben akademisch sezieren, desto eher landen wir in einer kalten Gesetzlichkeit oder in totaler Unsicherheit. Jesus hat nicht gesagt: "Dieses Gesetz ist die Wahrheit" oder "Dieses archäologische Auslegung ist der Weg". Er hat gesagt: "Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben." (Johannes 14,6). Er ist eine Person, keine Theorie. An sein Leben will ich mich halten. Wie er geliebt hat, wie er mit den Zerbrochenen umgegangen ist, das ist mein Anker. Ob er nun Gott war oder "nur" Gottes Sohn, ob das Wort in ihn hineingeschlüpft ist ... ich weiß es nicht zu 100%. Und wisst er was? Das ist okay. Ich muss es nicht wissen, um ihm zu gehören.
Schweigt Gott wirklich?
Oft fühlt es sich so an, als würde Gott schweigen, während ich heule. Aber ich glaube eigentlich nicht, dass er schweigt. Ich glaube eher, dass wir seine Antworten oft nicht hören können oder wollen, weil sie nicht so aussehen, wie wir es uns vorgestellt haben. Gott ist kein Kaugummi-Automat, in den ich ein Gebet einwerfe und unten die passende Lösung rauskommt. Wenn ich ihn nicht höre, bedeutet das nicht, dass er weg ist. Er sitzt mit am Tisch. Er hält mich aus, wenn ich ihn anschreie oder wenn ich einfach nur stumpf auf dem Boden liege und weine. Er ist da und hält mich fest in seinen Armen, auch wenn ich es gar nicht wahrnehme, weil ich im eigenen Schmerz gefangen bin. Es ist ein Aushalten meiner Realität.
Hier habe ich schon einmal über Gottes Schweigen geschrieben: Schweigt Gott?
Freiheit im Dialog: Wenn Weltbilder aufeinanderprallen
Ein ganz praktisches Beispiel für dieses "Dazwischen" erlebe ich oft in Gesprächen mit meinen Kindern. Neulich hat mir meine Teenager-Tochter ganz offen erzählt, wie sie die geistliche Welt gerade sieht, und ich sage euch ganz ehrlich: Das passt an vielen Stellen überhaupt nicht in mein klassisches christliches Weltbild. Früher hätte ich vielleicht versucht, sie sofort zu korrigieren oder ihr Bibelstellen um die Ohren zu hauen. Heute weiß ich: Es ist ein Geschenk, dass sie mir das überhaupt so offen und ehrlich erzählt. Ich höre ihr zu, versuche zu verstehen, frage nach und lass ihre Meinung und Weltsicht gelten.
Wir sprachen zum Beispiel über Begriffe wie "Dämonen". Heute lösen solche Worte oft sofort Panik oder düstere Bilder aus. Aber wenn man genauer hinsieht, kommt das Wort aus dem Griechischen ("daimon") und war ursprünglich viel neutraler besetzt. Es beschrieb schlichtweg ein Geistwesen oder einen Schicksalsboten, ohne diese negative, zerstörerische Bedeutung, die wir heute so oft im Kopf haben. Das zeigt mir wieder: Sprache wandelt sich, Bedeutungen verschieben sich über Jahrtausende. Wenn wir uns an starren Begriffen aufhängen, verpassen wir oft das eigentliche Herzstück.
Ich kann die Sichtweise meiner Tochter stehen lassen, auch wenn meine eine andere ist. Ich glaube fest daran: Wenn Jesus die Wahrheit ist, dann hält er es aus, wenn wir suchen, hinterfragen und unseren eigenen Weg gehen. Wahre Liebe braucht Freiheit, keine Schablonen. Wir dürfen nebeneinander stehen bleiben, auch wenn unsere Weltbilder gerade nicht deckungsgleich sind.
Wenn der Glaube "kaputt" wirkt
Vielleicht liest du das und denkst: "Karin, mein Glaube fühlt sich einfach nur noch kaputt an. Ich habe mehr Fragen als Antworten." Ich möchte dir sagen: Dein Glaube ist nicht kaputt. Er ist ehrlich. Wer behauptet, nie zu zweifeln, lügt sich oft selbst in die Tasche, aus Angst, schwach zu wirken. Zweifel entstehen oft dort, wo wir zu viel für Gott tun, aber nicht mehr mit ihm sind. Wo wir in einen christlichen Aktionismus verfallen und dabei die Verbindung zum Wesentlichen verlieren.
Was mir hilft, wenn das Pendel zum Zweifel ausschlägt:
Ehrlichkeit ohne Filter: Gott braucht dein "Halleluja" nicht, wenn dir nach Fluchen zumute ist. Leg ihm den Schmerz, die Wut und die Fragen hin. Er hält das aus.
Musik statt Worte: Wenn ich nicht mehr reden kann, höre ich Worship-Musik. Die Töne sagen oft das, was meine Worte nicht mehr schaffen.
Annehmen, was ist: Zweifel sind okay. Sie sind eine Einladung, tiefer zu graben und Gott neu zu begegnen, jenseits von Floskeln und dergleichen.
Ich habe mich entschieden: Ich gehöre Jesus. Auch an den Tagen, an denen ich nicht weiß, ob es ihn gibt. Das ist kein Widerspruch, das ist Vertrauen als Willensentscheidung. Mein Glaube muss nicht perfekt sein, er muss nur echt sein.
Alles Liebe
Deine Karin 💛
Hand aufs Herz: Welche christliche Floskel kannst du gerade absolut nicht mehr hören? Und darf dein Glaube heute mal ein bisschen "unfertig" und "wackelig" sein? Schreib es gerne in die Kommentare.
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