Wenn die Seele isst: Was Frustessen über dich verrät
- Karin Hahn

- 22. Sept. 2025
- 5 Min. Lesezeit
Es ist schon wieder passiert. Zu viel gegessen, vor allem Süßes. Warum gerät es immer wieder außer Kontrolle? Jedes Mal, wenn etwas schiefgeht oder Frustration aufkommt, beginnt das Essen zur unkontrollierbaren Nascherei zu werden. Danach plagt dich das schlechte gewissen.
Warum wir wirklich essen: Die verborgenen Auslöser
Frustessen ist weit mehr als nur fehlende Disziplin. Es ist ein komplexer Mechanismus, der oft tief in unserer Psyche verwurzelt ist und als Bewältigungsstrategie für unangenehme Gefühle dient. Es sind Gefühle wie Stress, Überforderung, Einsamkeit, Traurigkeit oder der Verlust der Kontrolle, die uns zum Essen greifen lassen. Das Essen wird in diesen Momenten zu einem schnellen Trotstspender, einem Ersatz für das, was uns eigentlich fehlt: emotionale Erfüllung oder die Fähigkeit, mit de wahren Ursachen unserer Probleme umzugehehn.
Gerade in Zeiten hoher Belastung oder innerer Leere kann Essen eine trügerische Form von Kontrolle bieten. Wenn das Leben unüberschaubar wird, kann das genaue Planen von Mahlzeiten oder das "sich etwas gönnen" eine Illusion von Selbstbestimmung schaffen. Doch diese Kontrolle ist nur von kurzer Dauer.
Der Kreislauf des schlechten Gewissens
Der emotionale Trigger - sei es ein Streit, ein Misserfolg oder einfach das Gefühl, den Tag nicht geschafft zu haben - führt zu einer emotionalen Leere. Diese Leere versuchen wir dann mit Essen zu füllen. Der anfängliche Trost, die kurze Befriedigung, die das Essen bietet, ist jedoch nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Kurz darauf setzt das schlechte Gewissen ein. Scham über das eigene Verhalten, Selbstzweifel und das Gefühl des Versagens verstärken sich. Dieser Teufelskreis aus emotionalem Schmerz, Essen als Flucht und dem anschließenden schlechten Gewissen hält uns oft nachts wach und führt zu einem immer tieferen Gefühl der Hilflosigkeit. Es ist die Angst, niemals aus diesem Muster auszubrechen, die uns quält und unsere Lebensqualität beeinträchtigt.
Doch wie können wir diesen Kreislauf durchbrechen und die tieferen Ursachen erkennen, die uns zum Frustessen treiben?
Dem Frustessen auf die Spur kommen: Die ersten Schritte zur Veränderung
Um den Kreislauf des Frustessens zu durchbrechen, ist es unerlässlich, die wahren Auslöser zu identifizieren und neue Bewältigungsstrategien zu entwickeln. Hier sind konkrete Schritte, Fragen und Übungen, die dir dabei helfen können:
1. Achtsamkeit entwickeln: Dein Essverhalten beobachten
Der erste Schritt ist, ein bewusstes Verständnis für dein Essverhalten zu entwickeln. Führe ein Ess- und Gefühlstagebuch, um Muster zu erkennen.
Übung: Das Ess- und Gefühlstagebuch
Führe für mindestens eine Woche ein detailliertes Tagebuch (es reicht wenn du ein kleines A5 Heft dafür verwendest). Notiere nicht nur, was du isst, sondern auch wann, wie viel und vor allem welche Gefühle du vor, während und nach dem Essen hast.
Fragen, die du dir stellen solltest:
Was habe ich unmittelbar vor dem Essanfall gefühlt? (z.B. Stress, Langeweile, Traurigkeit, Wut, Leere, Überforderung?)
Gab es ein spezifisches Ereignis, das diesen Impuls ausgelöst hat? (z.B. ein Streit, ein Misserfolg, eine negative Nachricht, ein Gefühl der Einsamkeit?)
Habe ich wirklich körperlichen Hunger verspürt oder war es eher ein emotionales Verlangen?
Welche Lebensmittel habe ich gewählt und warum gerade diese? (oft Süßes, Fettiges, schnell Verfügbares)
Wie habe ich mich während des Essens gefühlt? (z.B. erleichtert, betäubt, glücklich für den einen Moment?)
Wie habe ich mich unmittelbar nach dem Essen gefühlt? (z.B. schuldig, beschämt, traurig, wütend, leer?)
2. Emotionale Auslöser erkennen und benennen
Sobald du Muster in deinem Ess- und Gefühlstagebuch erkennst, ist es Zeit, die spezifischen emotionalen Auslöser genauer zu betrachten.
Übung: Die Gefühlskarte
Wenn du einen Drang zum Essen verspürst, halte inne und spüre in dich hinein. Wo genau spürst du dieses Gefühl in deinem Körper? (z.B. Enge in der Brust, Kloß im Hals, Druck im Magen, innere Unruhe?)
Fragen zur Reflexion:
Welche primären Emotionen tauchen am häufigsten vor dem Frustessen auf? (z.B. Stress, Angst, Wut, Traurigkeit, Leere, Frustration, Langeweile, Überforderung, Scham, Schuld, Hilflosigkeit?)
Gibt es bestimmte Situationen oder Personen, die diese Gefühle immer wieder triggern?
Was "braucht" dieses Gefühl wirklich? (z.B. Trost, Sicherheit, Ablenkung, Anerkennung, Entspannung, Verbindung, Kontrolle, Erfüllung?)
3. Alternative Bewältigungsstrategien entwickeln
Das Ziel ist es, neue Wege zu finden, um mit den identifizierten Emotionen umzugehen, anstatt zum Essen zu greifen.
Übung: Dein Notfall-Koffer für Emotionen
Erstelle eine Liste von mindestens 5 - 10 Aktivitäten, die du stattdessen tun könntest, wenn der Drang zum Essen aufkommt. Diese sollten dir guttun und nichts mit Essen zu tun haben.
Ideen für den Notfall-Koffer:
Ablenkung: Ein Buch lesen, Musik hören, einen Podcast hören, eine Freundin anrufen, ein Hobby ausüben (malen, stricken, basteln), ein Rätsel lösen, ein Spiel spielen
Entspannung: Tiefenatmungsübungen, Meditation, ein warmes Bad nehmen, progressive Muskelentspannung, eine Tasse Kräutertee trinken (ungezuckert)
Körperliche Aktivität: Ein kurzer Spaziergang an der frischen Luft, Dehnübungen, Tanzen, eine leichte Sporteinheit
Emotionale Ausdrucksformen: Tagebuch schreiben, Gefühle aufschreiben, mit jemandem darüber sprechen, Weinen (falls nötig - ist oft sehr heilsam)
Selbstfürsorge: Eine Handmassage, ein wohltuendes Fußbad, sich etwas Gutes tun, das nicht Essen ist (z.B. eine Gesichtsmaske)
Verbindung: Ein Gespräch mit einem vertrauten Menschen, eine Umarmung, Zeit mit Haustieren verbringen
Fragen zur Umsetzung:
Welche dieser Aktivitäten kann ich sofort umsetzen, wenn der Drang kommt?
Welche Aktivitäten wirken am effektivsten, um mein aktuelles Gefühl zu lindern?
Wie kann ich diese Alternativen für mich attraktiver machen als das Essen?
4. Die "5-Minuten-Regel" anwenden
Wenn der Drang zum Essen kommt, vereinbare mit dir selbst, 5 Minuten zu warten, bevor du zum Essen greifst. Nutze diese Zeit, um eine der alternativen Bewältigungsstrategien anzuwenden. Oft genung verfliegt der stärkste Impuls in dieser kurzen Zeit.
5. Professionelle Unterstützung suchen
Wenn du das Gefühl hast, alleine nicht aus dem Kreislauf herauszukommen, scheue dich nicht, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen. Ein Therapeut, Coach oder Ernährungsberater, der auf emotionales Essen spezialisiert ist, kann dir wertvolle Unterstützung und Werkzeuge an die Hand geben.
Fragen, die dir dabei helfen, professionelle Hilfe in Betracht zu ziehen:
Habe ich das Gefühl, die Kontrolle über mein Essverhalten verloren zu haben?
Beeinträchtigt mein Frustessen meine Lebensqualität, meine Gesundheit oder meine Beziehungen?
Fühle ich mich hilflos oder überfordert im Umgang mit meinen Emotionen?
Der Weg aus dem Frustessen ist ein Prozess, der Geduld und Selbstmitgefühl erfordert. Es wird Rückschläge geben, aber jeder bewusste Schritt in eine neue Richtung ist ein Erfolg. Erkenne, dass du nicht alleine bist und dass es möglich ist, ein befreiteres Verhältnis zum Essen und zu deinen Emotionen zu entwickeln.
Eine neue Beziehung zu Essen und Gefühlen aufbauen
Der Weg, Frustessen zu überwinden, ist eine Reise zu dir selbst - zu einem tieferen Verständnis deiner Emotionen und Bedürfnisse. Erinnere dich daran, dass jeder kleine Schritt zählt und Rückschläge nicht das Ende bedeuten, sondern Lernchancen sind. Sei geduldig und nachsichtig mit dir selbst, so wie du es mit einer guten Freundin wärst.
Du hast nun wertvolle Werkzeuge an der Hand, um die verborgenen Auslöser deines Essverhaltens zu erkennen und neue, heilsame Bewältigungsstrategien zu entwickeln. Das Ess- und Gefühlstagebuch, die Gefühlskarte und dein NotfallKoffer für Emotionen sind mächtige Hilfsmittel auf diesem Weg.
Dein nächster Schritt: Beginne noch heute damit, eine der Übungen in die Praxis umzusetzen. Wähle die, die sich für dich am machbarsten anfühlt. Beobachte dich ohne Urteil und sei neugierig auf das, was du entdeckst.
Denke daran: Du bist nicht allein mit dieser Herausforderung. Viele Menschen kämpfen mit emotionalem Essen und es ist ein Zeichen von Stärke, sich dieser Thematik zu stellen. Indem du lernst, deine Emotionen anders zu regulieren, gewinnst du nicht nur eine befreitere Beziehung zum Essen, sondern auch eine tiefere Verbindung zu dir selbst. Du verdienst es, dich wohl und erfüllt zu fühlen - ohne das Gefühl, von Essen kontrolliert zu werden. Du hast die Kraft in dir, diesen Wandel zu vollziehen.
Was sind deine größten Herausforderungen im Umgang mit emotionalem Essen? Lass uns in den Kommentaren darüber austauschen. Gemeinsam können wir uns gegenseitig Mut machen.
🧡 Verbinde dich mit mir und lass uns gemeinsam eine Community aufbauen, in der wir uns gegenseitig stärken und voneinander lernen.
Karin 💛



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